Allergieauslöser Umwelt?
Welchen Einfluss haben Lebensbedingungen und sozialer Status?
Häufigkeit von Allergien hat sich verzehnfacht
Von JOHANNES RING und HEIDRUN BEHRENDT (*)
Unter Allergie versteht man eine krank machende Überempfindlichkeit des Organismus auf dem Boden einer spezifischen Änderung der Immunitätslage. Allergien können in verschiedenen Organen auftreten, besonders häufig betroffen sind aber Haut- und Schleimhäute, eben die Grenzflächen, an denen das Individuum in direktem Kontakt mit der Umwelt steht. Allergien treten in allen Altersstufen und Lebensbereichen auf, in der Arbeits- und Außenwelt ebenso wie zu Hause. Es besteht kein Zweifel, dass die Häufigkeit von Allergien in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zugenommen hat. Während in den 50er Jahren Zahlen von ein bis zwei Prozent in der Bevölkerung angegeben werden, finden wir heute Raten von zehn bis zwanzig Prozent. Die Ursachen für diese Zunahme sind unbekannt. Es gibt lediglich mehr oder weniger plausible Hypothesen.
Neben verbesserten diagnostischen Möglichkeiten, sozioökonomischen Faktoren, verbesserter Hygiene und medizinischer Versorgung werden auch Umweltfaktoren intensiv diskutiert. Durch eine Veränderung der zweifelsohne vorliegenden genetischen Disposition lässt sich der rapide Anstieg innerhalb weniger Jahrzehnte auf keinen Fall erklären. Allergien stellen die best untersuchten Umweltkrankheiten dar, kennen wir doch die Auslöser zum Teil bereits in molekularer Form und bis ins Einzelne. Auch die Mechanismen der allergischen Reaktionen sind weitgehend geklärt. Erheblicher Forschungsbedarf besteht jedoch in der Untersuchung der Sensibilisierungsphase, also dem Zeitraum, in dem ein vorher gesunder Mensch allergisch wird, ohne dass dies durch Krankheitssymptome erkennbar wäre.
Die Mechanismen der Wirkung solcher Umweltstoffe zeichnen sich teilweise durch sehr niedrige Schwellenwerte aus, andererseits aber auch dadurch, dass Wirkungen nicht generell auftreten, sondern nur bei einem bestimmten Prozentsatz von ”empfindlichen” Menschen. Ausgedehnte Untersuchungen haben eindeutig ergeben, dass neben der genetischen Veranlagung drei Faktoren mit dem Auftreten einer Allergie assoziiert erscheinen: erhöhte Exposition gegenüber Allergenen, z.B. im Innenraum gegen Hausstaubmilben oder Tierhaare; erhöhte Exposition gegenüber Schadstoffen (in der Außenluft und im Innenraum); allgemeine Lebensbedingungen (höherer Sozialstatus, urbanes Leben).
Im Vergleich zwischen der ehemaligen DDR und dem Westen fanden drei Forschergruppen damals überraschende Ergebnisse: In Ostdeutschland gab es weniger Allergien – trotz ungleich höherer Luftverschmutzung. Dies wurde zunächst fälschlich dahingehend interpretiert, dass Umweltschadstoffe keinen Einfluss auf die Krankheit hätten. Genauere Analysen zeigen jedoch, dass die Schadstoffbelastung eine andere Qualität hatte: Grobe Staubpartikel und Schwefeldioxid im Osten, Stickstoffoxide und flüchtige organische Substanzen im Westen. Letztere gehen eindeutig mit vermehrtem Auftreten allergischer Sensibilisierung einher.
Bis heute kennen wir keine einzelne Noxe, die verantwortlich gemacht werden könnte. Es handelt sich um Assoziationen mit Belastungstypen, die Hunderte von chemischen Substanzen umfassen. In der Außenluft scheint es sich vorrangig um Emissionen des Verkehrs zu handeln, worauf schon Studien der 80er Jahre aus Japan hingewiesen haben. Im Innenraum scheint eine der wesentlichen Noxen aus dem Tabakrauch zu stammen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Rauchverhalten und Allergie: Wenn die Mutter während der Schwangerschaft geraucht hatte, steigt das Allergierisiko der Kinder um das Zwei- bis Dreifache.
Aufregende neue Untersuchungen beschreiben Effekte von Umweltschadstoffen nicht nur auf den menschlichen Organismus, sondern bereits in der Umwelt: auf Allergen tragende Pollenkörner, welche durch Schadstoffbelastung in ihrer Oberfläche verändert werden und so möglicherweise Anlass zu veränderter Allergenfreisetzung in die Außenluft geben.
(*)Johannes Ring leitet die Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der TU München, Heidrun Behrendt das Zentrum Allergie und Umwelt an der TU München.
Quelle: Neuss - Grevenbroicher Zeitung vom 19.1.2000




