Ochratoxin in Lakritzprodukten
Lieber kein Süßholz raspeln
Arznei- und Lebensmittel, die Auszüge der Süßholzwurzel, den so genannten Lakritzsaft enthalten, weisen häufig gesundheitsschädliche Schimmelpilzgifte (Mykotoxine) auf. Das bestätigt eine Studie der Bundesforschungsanstalt für Ernährung (BfE) in Karlsruhe.
Das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) in Berlin hält "die gefundenen Spitzenbelastungen" mit dem im Lakritzsaft vorhandenen Stoff Ochratoxin A (OTA) für "problematisch". OTA ist eine von Pinselschimmel-Arten (Penicillium) produzierte Natursubstanz und wirkt im Tierversuch carcinogen . Ausserdem ist OTA schädlich für die Nieren und das Immunsystem. Weiterhin soll es erbgutschädigend sein. Es gibt bisher zwar weder in Deutschland noch in der EU keinen gesetzlichen OTA-Grenzwert, dennoch schlägt das BgVV aber vorsorglich ein Höchstlimit für "Rohprodukte zur Herstellung von Kleinkindernahrung" vor. Es beträgt 0,3 Millionstel Gramm (Mikrogramm) Ochratoxin A pro Kilogramm des Produktes.
Nachgewiesen wurde OTA in Salmiakpastillen und Kräutertees. Dabei bieten auch derartige Mittel aus der Apotheke keinen sicheren Schutz. Der Spiegel berichtet von zum Teil “extremen” Werten. In einem Test waren 80% der untersuchten Produkte betroffen.
Im Fall untersuchter "Eukalyptus-Menthol-Pastillen und auch eines Bronchial-Tees" werden die vom BGVV genannten Höchstwerte "deutlich überschritten", so BgVV-Sprecher Jürgen Kundtke. Wer ein derartiges Produkt erwische, könne sogar über den in Europa gültigen "TDI-Wert" für OTA rutschen. Er wurde vom Wissenschaftlichen Lebensmittel-Ausschuss der EU festgelegt und gibt an, welche Menge des Pilzgiftes Verbraucher im Höchstfall täglich zu sich nehmen sollten (engl. TDI = tolerierbare tägliche Aufnahme).
Der BgVV sieht Handlungsbedarf. "Insbesondere bei Kleinkindernahrung und Arzneimitteln fordern wir die Hersteller auf, toxinfreie oder sehr gering belastete Komponenten einzusetzen" so Kundtke. In solchen Produkten habe ein Leber und Nieren schädigender, potentiell krebsauslösender Stoff wie OTA nichts zu suchen - auch wenn bei den gefundenen Spuren von keinem akuten Gesundheitsrisiko auszugehen ist.
In der Lebensmittelindustrie wird Lakritzensaft als Aromatisierungs- und Süßungsmittel benutzt, etwa in Spirituosen. Eine charakteristische Zutat ist das pflanzliche Produkt in Süßigkeiten wie Lakritzstangen oder -schnecken, einer Mischung aus Mehl, Zucker und Geliermittel. Hier beträgt der Anteil von Süßholzsaft laut der "Richtlinie für Zuckerwaren" mindestens drei Prozent, in "Stark-Lakritzen", zum Beispiel Lakritzpastillen, ist er am höchsten.
Der Chemiker Horst Bresch und seine Mitarbeiterin Maria Urbanek von der Bundesforschungsanstalt für Ernährung wiesen in ihrer Studie Ochratoxin A (OTA) sowohl in Süßholzwurzel selbst wie auch in Lakritz-Süßwaren nach. Die Messergebnisse der Süßholzwurzel zeigen in jedem zweiten Fall Spuren des kritischen Schimmelpilzgiftes auf. Insofern gebe es "keine Garantie dafür, dass ein Produkt frei von OTA ist, nicht einmal beim Kauf in der Apotheke", sagt Bresch, der als Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Hygiene und Toxikologie der Karlsruher Forschungseinrichtung arbeitet. Auch der Verdacht, dass Lakritz-Süßwaren kontaminiert sein können, habe sich bestätigt. Die gemessenen Konzentrationen sind den Autoren zufolge "relativ hoch", gemessen an der starken Giftigkeit von Ochratoxin A. Es sei daher empfehlenswert, den OTA-Gehalt in Lakritz-Naschzeug zu reduzieren.
Herstellern ist das Ochratoxin- Problem bekannt. Reagiert wird aber nur zögerlich. Es wird vermutet, dass das Ochratoxin aufgrund von Schimmelpilzwachstum auf den Rohstoffen nach der Ernte entsteht. Die Firmen verzichteten "weitestgehend" auf Süßholz, "schon seit Jahren läuft da eine Umstellung", so Michael Warburg, Geschäftführer des Diätverbandes. Dahinter steckt allerdings nicht OTA, sondern Glycyrrhizin, ein natürlicher Bestandteil von Süßholzsaft. Durch ihn geriet Lakritz früher schon in die Schlagzeilen. Der Naturstoff kann bei übermäßigem Genuss den Mineralstoffwechsel aus dem Tritt bringen und Bluthochdruck verursachen
Dem Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie in Köln war die Karlsruher Studie nicht geläufig. Die Firma Haribo dagegen schließt eine Gefährdung ihrer Kunden "nach Rücksprache mit unseren Rohlakritz-Lieferanten von vorneherein aus", so Sprecher Franz Josef Weihrauch. Die verwendeten Rohstoffe würden regelmäßig untersucht, eine OTA-Belastung sei "nicht gegeben".
Quelle: HACCP Informations- Service vom 20.10.2000 und 15.1.01 / Der Spiegel




